Wie Worte wirken

Die Macht von Sprache in der Palliativen Begleitung

Was sagt man einem Menschen, der im Sterben liegt oder sich in einer belastenden Lebenssituation befindet? Marta Felder, Freiwillige des Roten Kreuzes Kanton Luzern, hat sich mit der Wirkung von Sprache in der palliativen Begleitung beschäftigt – inspiriert von ihrer Teilnahme am Kurs «Begleiten beim Abschiednehmen und Sterben». In ihrer unten angehängten Reflexionsarbeit zeigt sie, wie bewusst gewählte Worte den Unterschied machen – und was wir alle aus ihren Erfahrungen lernen können.

«Sie brauchen keine Angst zu haben», «Sie müssen stark und positiv bleiben» oder «Da kann man nichts mehr machen» – das sind gut gemeinte Floskeln, die viele Palliativpatientinnen und -patienten sowie Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu hören bekommen. Doch was lösen solche Sätze bei den Betroffenen aus?

Marta Felder hat in Gesprächen mit Patientinnen und Patienten immer wieder erlebt, wie stark bereits kleine Formulierungen wirken können. Die Studentin der interkulturellen Kommunikation engagiert sich beim SRK Kanton Luzern als Freiwillige für essen + mehr und 2 x Weihnachten und arbeitet zudem im Spital. Sie ist überzeugt: 

Alles, was gesagt wird, hinterlässt Spuren.
Denn Worte wirken. Immer.
Marta Felder, Teilnehmerin des Kurses «Begleiten beim Abschiednehmen und Sterben»

Den passenden Umgang mit Worten musste sie jedoch selbst erst lernen: «So oft hatte ich selbst Angst, nicht die richtigen Worte zu finden, wenn ich Angehörigen eines Verstorbenen begegnete oder Patienten, die gerade ihre Krebsdiagnose erhalten hatten. Gleichzeitig kenne ich die Momente der Sprachlosigkeit, wenn ich nicht weiss, ob ich überhaupt etwas sagen soll», schreibt sie. Erst mit der Zeit gewann sie mehr Sicherheit und lernte, wie bewusst gewählte Sprache Halt geben kann.

Wie und wann Worte wirken

Floskeln entstehen laut Marta Felder meist aus dem Wunsch heraus, Trost zu spenden, Hoffnung zu vermitteln oder die eigene Unsicherheit zu überbrücken. Doch solche Aussagen verallgemeinern häufig und können dadurch entwertend oder distanzierend wirken. Statt Halt zu geben, entsteht nicht selten das Gefühl, mit den eigenen Sorgen nicht wirklich gemeint oder gehört zu sein.

Eine hilfreiche Orientierung biete das Kommunikationsquadrat von Friedemann Schulz von Thun: Wir kommunizieren und hören auf vier unterschiedlichen Ebenen. Marta Felder hat erkannt: Wie und auf welcher Ebene Menschen kommunizieren und welche Worte ihnen guttun, hängt auch davon ab, in welcher Phase des Abschieds, des Sterbens oder der Trauer sie sich befinden. Bedürfnisse verändern sich – und damit auch das, was als unterstützend oder belastend erlebt wird. Gerade deshalb ist der Austausch von Informationen besonders anspruchsvoll und verlangt Feingefühl statt Floskeln.

Die folgenden Beispiele aus ihrem Reflexionsbericht zeigen, wie sich häufig verwendete Floskeln durch wertschätzende und empathische Formulierungen ersetzen lassen.

«Sie brauchen keine Angst zu haben.»

Diese gut gemeinte Floskel kann Angst ungewollt entwerten. Gerade in der palliativen Situation ist Angst eine natürliche Reaktion auf Schmerz, Endlichkeit und Unsicherheit. Besser ist es, die Gefühle anzuerkennen: «Ich spüre, dass Sie Angst haben.» Oder offen zu fragen: «Was macht Ihnen im Moment am meisten Angst?»

«Sie müssen stark und positiv bleiben.»

Diese Aufforderung kann Druck erzeugen und den Eindruck vermitteln, dass belastende Gefühle keinen Platz haben. Entlastender ist: «Es ist verständlich, dass Sie sich gerade so fühlen.» So entsteht Raum für Angst, Trauer und Unsicherheit.

«Da kann man nichts mehr machen.»

Dieser Satz vermittelt Hoffnungslosigkeit. Auch wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist, bleibt vieles, was getan werden kann: Beschwerden lindern, begleiten und Wünsche ernst nehmen. Eine Frage wie «Was ist Ihnen jetzt wichtig?» richtet den Blick auf den Menschen statt auf die Diagnose.

Sätze, Haltungen und Gesten bleiben im Herzen derjenigen, die begleitet wurden, und ebenso im Herzen derer, die zurückbleiben. Angehörige tragen diese Worte weiter, manchmal für Jahre, manchmal für ein ganzes Leben.
Marta Felder, Teilnehmerin des Kurses «Begleiten beim Abschiednehmen und Sterben»

Achtsame Kommunikation mit Angehörigen

Nicht nur Menschen, die im Sterben liegen, sehnen sich nach feinfühliger Kommunikation und gehen durch verschiedene, individuelle Phasen – sondern auch ihre Liebsten. In der Palliative Care ist die Begleitung von Angehörigen ein ebenso zentraler Bestandteil wie die Pflege der Patienten selbst – und sie werden in palliativen Situationen ebenfalls häufig mit gut gemeinten Floskeln konfrontiert:

«Ich wünsche dir viel Kraft.»

Der Satz soll ermutigen, doch gerade für Angehörige, die vor Erschöpfung kaum noch stehen können, kann er unerwartet hart treffen. Marta Felder zeigt das anhand eines anschaulichen Beispiels: «Würden wir jemandem, der in Wellen kaum noch über Wasser bleibt, wirklich „mehr Kraft zum Schwimmen" wünschen? Oder würden wir ihm lieber eine Hand reichen und ans Ufer begleiten? Wahrscheinlich Letzteres.» Manchmal braucht ein erschöpfter Mensch schlicht jemanden, der sagt: «Du darfst jetzt schwach werden.»

«Du kannst mich jederzeit anrufen.»

Was als offenherziges Angebot gemeint ist, wird für Erschöpfte schnell zur Überforderung. Denn oftmals haben Angehörige schlicht zu wenig Kraft, um zu wissen, was sie brauchen und erst recht, es aktiv einzufordern. Darüber hinaus empfinden sich Menschen in Verlustsituationen ohnehin schnell als Last und ziehen sich aus Unsicherheit lieber zurück. Was laut Marta Felder wirklich hilft, ist konkrete, greifbare Unterstützung, die von selbst angeboten wird: Ein warmes Essen, das einfach vor der Tür steht. Ein Einkauf, der erledigt wird, ohne dass man darum bitten muss. Diese Gesten zeigen: «Du bist nicht allein, ich sehe deinen Schmerz, und du musst dich nicht erst melden, um Hilfe zu bekommen.»

«Ich weiss, wie du dich fühlst.»

Obwohl diese Floskel Verständnis und Empathie ausdrücken soll – häufig von Menschen, die selbst einen Verlust erlebt haben – relativiert sie oft das individuelle Erleben des Trauernden und suggeriert laut Marta Felder: Wer spricht, darf nur noch innerhalb dieses Rahmens fühlen. Dadurch wird das tatsächliche Empfinden des Trauernden eingeschränkt oder sogar unsichtbar gemacht. Echte Anteilnahme signalisiert: «Ich kann nicht genau wissen, wie es dir geht, denn das ist deine eigene Empfindung, aber ich bin bei dir.»

In palliativen Situationen rückt die Medizin zurück.
Worte bleiben…
Marta Felder, Teilnehmerin des Kurses «Begleiten beim Abschiednehmen und Sterben»

Was wir alle daraus lernen können

Eine der wichtigsten Erkenntnisse von Marta Felder ist, dass es nicht immer die perfekten Worte braucht. Oft ist ehrliche Präsenz wertvoller als gut gemeinte Floskeln. Manchmal ist auch Schweigen Gold – vorausgesetzt, es ist ein zugewandtes Schweigen, das Nähe zulässt und signalisiert: Ich bin da. Wer aufmerksam zuhört, Unsicherheiten aushält und dem Gegenüber mit Offenheit begegnet, schafft Raum für echte Begegnung. Bewusst gewählte Sprache kann Trost spenden, Vertrauen stärken und Menschen in schwierigen Lebenssituationen das Gefühl geben, gesehen und verstanden zu werden.

Durch welche Phasen Sterbende und Trauernde gehen und wie genau Worte Nähe und Verständnis statt Distanz und Druck schaffen – das und mehr im Reflexionsbericht:

Lesen Sie den ganzen Reflexionsbericht von Marta Felder

Während Ihrer Arbeit im Spital hat Marta Felder viel zu oft erlebt, dass Menschen ganz allein sterben, nur mit einem Plüschtier auf der Brust, das ihnen von einer Pflegefachperson gegeben wurde. Niemand an ihrem Bett, niemand, der ihre Hand hält und ihnen mit oder ohne Worte sagt: Ich bin hier. 

Deshalb braucht es feinfühlige Begleiter, die für Menschen in palliativen Situationen da sind. Und deshalb hat das SRK Kanton Luzern Angebote, die Menschen dazu weiterbilden: 

Palliative Care beim SRK Kanton Luzern 

Für alle, die wie Marta Felder Menschen in palliativen Situationen begleiten möchten, bietet das SRK Kanton Luzern zwei Lehrgänge sowie verschiedene Kurse an, welche die Grundlagen vertiefen und Handlungssicherheit für die Praxis vermitteln.

Palliative Care versteht sich als ganzheitliche Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen – mit dem Ziel, Lebensqualität zu erhalten und zu fördern. Dabei stehen die Bedürfnisse der Betroffenen und ihrer Angehörigen im Zentrum der Pflege und Betreuung. 

Zu den Pallative-Angeboten des SRK Luzern