Sprungbrett-Lehrgang Pflegehelfende SRK

Erfolgreich und integriert

Büşra Akkaya hat in der Türkei Theologie studiert. Nachdem ihr Mann aus politischen Gründen in die Schweiz migriert ist, folgte sie ihm mit den Kindern ein paar Jahre später. Inzwischen hat sie ihren beruflichen Weg in der Pflege gefunden. Büşra Akkayas Geschichte steht beispielhaft für erfolgreiche Migration, grosse Willensstärke und positive Perspektiven.
Büsra Akkaya Teilnehmerin Lehrgang Pflegehelfende SRK

Frau Akkaya, Sie sind 1992 in der Türkei geboren und wohnen seit 2022 mit Ihrer Familie in der Schweiz. Gibt es grosse Unterschiede im Umgang mit älteren Menschen zwischen den beiden Ländern?

Büşra Akkaya: In der Türkei ist eine professionelle Betreuung älterer Menschen wenig verbreitet. Grosseltern leben traditionell meistens bei ihren Kindern und werden innerhalb der Familie betreut. Der Respekt gegenüber älteren Menschen ist ein wichtiger Bestandteil unserer Kultur. Deshalb war mir der Umgang mit älteren Menschen nicht fremd.

Warum haben Sie sich für einen Pflegeberuf entschieden?

B.A.: Da ich Theologie studiert hatte, dachte ich zuerst an Seelsorge. Ich bin ein empathischer Mensch, beobachte meine Umgebung sehr genau und kann schnell eine emotionale Verbindung zu anderen Menschen aufbauen. Ich merkte, dass diese Eigenschaften in der Pflege nicht nur hilfreich, sondern wertvoll sein können. Und ich stellte fest: Pflege ist auch eine Art Seelsorge.

Wie sind Sie vorgegangen, um eine Pflegestelle zu finden?

B.A.: Ich habe zuerst im Internet nach Ausbildungsmöglichkeiten recherchiert und bin auf den Lehrgang Pflegehelfende SRK gestossen. Beim Roten Kreuz in Luzern habe ich von August 2025 bis Januar 2026 den sechsmonatigen «Tandem-Lehrgang» besucht. Fremdsprachige Teilnehmende werden dabei in zusätzlichen Stunden mit Sprachunterricht begleitet und in ihrem fachbezogenen Deutsch gefördert. Die Ausbildung war für mich insgesamt sehr positiv. Die Lehrpersonen waren für mich Vorbilder. Unsere Klasse hat immer noch eine aktive WhatsApp-Gruppe. Dann habe ich als Teil des Lehrgangs einen Praxiseinsatz bei der Stiftung Erlen (siehe Kasten) machen dürfen. Direkt im Anschluss daran wurde ich im Mai 2026 unbefristet angestellt.

Stiftung Erlen in Engelberg


Welche Aufgaben übernehmen Sie?

B.A.: Ich arbeite auf allen Abteilungen, auch im Demenzbereich. Es geht vor allem darum, die älteren Menschen zu begleiten. Wir helfen bei der Morgen- und Abendhygiene und beim Essen. Wir gehen zusammen nach draussen und unterhalten uns. In der Erlenstiftung beobachten Pflegehelfende auch den gesundheitlichen Allgemeinzustand der Bewohnenden und melden Auffälligkeiten an die Pflegefachpersonen. Während eines Einsatzes betreuen wir sechs bis sieben Personen.

Was gefällt Ihnen besonders gut und was ist manchmal herausfordernd?

B.A.:  Jeder neue Bewohner hat eine andere Lebensgeschichte und bringt mir eine einzigartige Perspektive näher. Ihre Vergangenheit kennenzulernen und an ihren Erinnerungen teilzuhaben, ist für mich der bedeutungsvollste Teil meiner Arbeit – etwas, das mich über meine berufliche Verantwortung hinaus auch persönlich bereichert.

Am Anfang hatte ich etwas Angst und bei neuen Bewohnenden bin ich zuerst immer etwas unsicher. Ich bin Muslima und trage ein Kopftuch. Ich bin in einer anderen Kultur gross geworden, gehe aber offen und empathisch auf alle Menschen zu. Ich stellte mir schon die Frage, wie die Menschen auf mich reagieren. Alle sind sehr positiv und freundlich mir gegenüber, das freut mich.

Ich musste auch lernen, systematisch zu arbeiten und immer dieselben Schritte zu machen. Wenn am Morgen zwei bis drei Personen gleichzeitig aufwachen, muss es schnell gehen.

Büsra Akkaya Teilnehmerin Lehrgang Pflegehelfende SRK

Warum sind Sie und Ihre Familie in die Schweiz gekommen?

B.A.: Ich komme ursprünglich aus der Schwarzmeerregion und habe Theologie studiert. Mein Mann ist Agraringenieur und arbeitete als Staatsbeamter in Istanbul. Wir haben zwei Söhne und führten – gemessen an den Lebensverhältnissen in der Türkei – ein gutes, sicheres und scheinbar planbares Leben. Dann kam der Putschversuch im Jahr 2016. Mein Mann wurde – wie Tausende andere Staatsbedienstete – aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Es gab gerichtliche Verfahren, unsere Zukunft wurde unsicherer. Mein Mann traf die schwierige Entscheidung, das Land zu verlassen. Die Kinder und ich kamen 2022 ebenfalls in die Schweiz.

Ich erinnere mich gut an meine ersten Gedanken vor der Ankunft. Ich hatte Respekt vor dem, was vor mir lag: eine neue Sprache, eine andere Kultur und die Herausforderung, mich in einem völlig neuen Land zu integrieren. Das machte mir zunächst Angst.

Und wie war die Realität für Sie?

B.A.: Diese Ängste verschwanden schneller, als ich erwartet hatte. Je besser ich die Menschen in der Schweiz kennenlernte, desto mehr beeindruckte mich ihre Haltung. Ich erlebte sie als bescheiden, arbeitsam und respektvoll. Besonders beeindruckte mich, dass Wertschätzung nicht davon abhängig war, woher jemand kommt. Auch als Ausländerin konnte ich erfahren, dass Arbeit und persönliches Engagement anerkannt werden. Mit der Zeit entstand in mir ein Gefühl, das ich anfangs nicht erwartet hatte: Ich begann, mich hier zu Hause zu fühlen.

Und irgendwann stellte ich mir die Frage: Was kann ich in diesem Land aus meinem eigenen Leben machen? Ich wollte mich entwickeln, etwas lernen und mir selbst eine neue berufliche Perspektive aufbauen. Ich besuchte Deutschkurse und engagierte mich bei Kunigo in Luzern. Für mich war die Sprache nicht nur ein Mittel zur Kommunikation, sondern der Schlüssel zu meiner Integration und zu meiner beruflichen Zukunft.

Es folgte meine Ausbildung als Pflegehelfende SRK und jetzt arbeite ich hier in der Erlenstiftung. Von meinem ersten Arbeitstag an wurde ich herzlich aufgenommen. Ich werde von meiner Arbeitgeberin bei meinen beruflichen Zielen sehr unterstützt.

Schon während des Lehrgangs wurde mir klar: Ich möchte hier nicht stehen bleiben. Mein Ziel war nicht, lediglich Pflegehelferin zu werden. Ich wollte mich weiterbilden, mehr Verantwortung übernehmen und mir Schritt für Schritt eine qualifizierte berufliche Zukunft aufbauen.

Menschen, die wie ich neu in der Schweiz sind, empfehle ich, ihre Ängste zu überwinden, Bildungschancen zu nutzen und sich beruflich etwas Eigenes aufzubauen.
Büşra Akkaya, Teilnehmerin Lehrgang Pflegehelfende SRK

Welche Ziele haben Sie?

B.A.: Meine nächsten Ziele sind klar: Seit August besuche ich im Kanton Obwalden am BWZ (Berufs- und Weiterbildungszentrum) den ABU-Unterricht (Allgemeinbildender Unterricht), damit ich meine schulischen Grundlagen weiter festigen kann. Nächstes Jahr werde ich in Sursee eine zweijährige EFZ-Ausbildung (Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis) zur FaGe (Fachfrau Gesundheit) beginnen. Und wenn es mir gelingt, möchte ich später eine Hochschule besuchen.

Dass dies in der Schweiz möglich ist, empfinde ich als grosses Privileg. Hier gibt es die Möglichkeit, sich unabhängig vom Alter weiterzuentwickeln und neue berufliche Wege einzuschlagen. Für mich war das eine wichtige Erfahrung. Man muss nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben alles erreicht haben. Man darf auch später neu anfangen. Für mich gibt es kaum ein schöneres Gefühl, als durch die eigene Arbeit sein eigenes Geld zu verdienen und auf eigenen Beinen zu stehen.

In zehn oder fünfzehn Jahren möchte ich meine langjährigen Beobachtungen und Erfahrungen aus der Betreuung älterer Menschen in einem Buch festhalten.

Die Stiftung Erlen in Engelberg ist ein beliebter Lebensraum im Alter im Klosterdorf Engelberg. Gemeinsam mit der Einwohnergemeinde setzt sie sich dafür ein, dass Menschen im Alter eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung und die Begleitung erhalten, die sie verdienen. Entsprechend setzen sich über 80 Mitarbeitende mit Herzblut und rund um die Uhr für das Wohl der Bewohnenden ein.

Logo Stiftung Erlen Engelberg

www.erlen-engelberg.ch